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„Wir wollten keine schnellere Kanzlei werden. Wir wollten eine andere Kanzlei werden“


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„Wir wollten keine schnellere Kanzlei werden. Wir wollten eine andere Kanzlei werden“
© Handelsblatt

In der Juni-Ausgabe des Handelsblatt Journals sprechen Christoph Knöll, Gründer der KI-Beratung Neurawork, und Jewgeni Michel, geschäftsführender Steuerberater bei der EVENTUS Group, über die zwei Geschwindigkeiten der KI-Transformation und darüber, was 80 Prozent jeder echten Veränderung ausmacht.

Seit zwei Jahren wird in der Steuerberatung über KI gesprochen. Die meisten Kanzleien kaufen Tools und integrieren eine sichere ChatGPT-Plattform in ihre Mandantenkommunikation, wodurch sie ein paar Stunden pro Woche sparen. Die EVENTUS Group hat jedoch einen anderen Weg gewählt: Derzeit entwickelt sie eine eigene KI-Architektur, aus der eine Methodik entsteht, die perspektivisch als Angebot für die Branche dienen soll und weit über eine reine Tool-Integration hinausgeht.

Wenn man sich die Steuerberatungslandschaft anschaut, scheint KI dort längst angekommen zu sein. Warum ist die Diskussion trotzdem oft so flach?

Michel: Weil sie meistens beim Tool aufhört. Eine Kanzlei kauft Lizenzen für ein sicheres ChatGPT oder Claude, integriert Automatisierungen in die Mandantenkommunikation und spart vielleicht ein paar Stunden pro Woche. Aus ihrer Sicht ist sie damit KI-fähig. Aber wenn ich auf den Mandanten schaue, hat sich für ihn nichts verändert. Seine Steuererklärung kommt vielleicht schneller, mehr nicht. Das ist Effizienz, aber keine Transformation. Was Mandanten wirklich brauchen, ist eine Beratung, die ihnen sagt, was sie selbst in ihren eigenen Zahlen noch nicht erkennen. Sie brauchen Frühwarnindikatoren, Trendmuster und strategische Hinweise. Das erreicht man nicht durch eine schnellere Belegverarbeitung.

Knöll: Das deckt sich mit dem, was wir branchenübergreifend sehen. Wir nennen es die Effizienz-Ebene. 95 Prozent der KI-Projekte enden auf dieser Ebene. Sie sparen Zeit oder Geld in bestehenden Prozessen. Das ist nicht falsch, aber auch nicht die eigentliche Geschichte. Diese beginnt erst, wenn KI nicht nur die Kostenstruktur, sondern auch die Wertschöpfung eines  Unternehmens verändert. Hier entscheidet sich, wer in fünf Jahren noch eine eigenständige Marktposition haben wird.

Was bedeutet das konkret für die Steuerberatung?

Michel: Steuerberatung war über Jahrzehnte deklarativ. Wir haben Belege verarbeitet, Bilanzen erstellt und Steuererklärungen abgegeben. Das ist wichtige Arbeit, und sie bleibt es. Aber sie ist nicht das, was Mandanten von uns brauchen, wenn ihr Geschäft komplexer wird. Sie brauchen einen Berater, der zu ihnen sagt: „Ich erkenne in Ihren Daten ein Muster, das Sie selbst noch nicht sehen.” Bei EVENTUS nennen wir das algorithmisches Consulting. Eine datenbasierte Be-ratung, die quer durch unsere Mandantenbasis Muster erkennt. Sie ist skalierbar und somit nicht auf eine begrenzte Anzahl von Mandanten beschränkt. Das ist eine Demokrati-sierung der Beratungstiefe und die einzige Antwort, die ich auf den Fachkräftemangel in unserer Branche sehe.

Knöll: Für algorithmisches Consulting ist eine entsprechende Architektur notwendig, die heute kaum eine Kanzlei hat. Daten müssen zusammengeführt sein, Modelle müssen auf die konkreten Mandate trainiert werden und Mitarbeitende müssen den Output einordnen können. Diese drei Disziplinen denken wir bei Neurawork in der Methodik Operational AI zusammen. Die meisten Kanzleien unterschätzen vor allem die Datenseite. Sie haben zwar Mandantendaten, doch diese liegen verteilt in unterschiedlichen Systemen und Formaten vor, oft auch nur im Kopf einiger weniger Mitarbeitender. Bevor ein Modell sinnvoll arbeiten kann, muss diese Datenbasis konsolidiert werden. Das ist zwar keine angenehme Aufgabe, aber entscheidende Vorarbeit.

Wie hat es bei EVENTUS angefangen?

Michel: Wir haben uns bewusst mit Christoph und seinem Team Zeit genommen. Keine Folien, keine Produktdemos. Stattdessen unbequeme Fragen. Wo sind unsere Engpässe? Was machen wir nur mittelmäßig? Wo liegt unser eigentlicher Wertbeitrag? Wir haben Schicht für Schicht abgetragen, um herauszufinden, wo wir wirklich Wert erzeugen und wo wir nur Volumen verarbeiten. Das war eine ungeschönte Bestandsaufnahme. Sie hat uns aber auch gezeigt, wo KI strategisch einzusetzen ist und wo nicht. So ist die Vision EVENTUS 2035 entstanden. Wir haben erkannt, dass wir diese nicht mit einem Tool, sondern mit einer Architektur und einem ehrlichen Veränderungsprozess umsetzen.

Knöll: Aus unserer Sicht ist genau dieser Tag der entscheidende. Wer KI strategisch nutzen will, muss zuerst sein eigenes Geschäftsmodell verstehen und nicht das Tool. EVENTUS hat sich dieser Übung gestellt, und das ist seltener, als man denkt. Viele Kanzleien wollen direkt zur Lösung. Aber ohne eine saubere Engpassanalyse bleibt jede Lösung eine Symptombehandlung. Deshalb starten wir Projekte grundsätzlich mit einer Engpass- und Wertschöpfungsanalyse, bevor überhaupt über Technik gesprochen wird.

Wo lag die größte operative Herausforderung?

Michel: Nicht in der Technik. Es gab zwei schwierige Dinge. Erstens das Aufräumen: Wir hatten Daten in DATEV, in unseren Dokumentenmanagement-Systemen, in SharePoint sowie in den Köpfen erfahrener Kolleginnen und Kollegen. Bevor ein Algorithmus damit etwas anfangen kann, muss man sie strukturieren, vereinheitlichen und dokumentieren. Das ist anspruchsvoll und dauert. Zweitens war es das berufsrechtliche Korsett. Wir arbeiten unter § 203 StGB, dem Steuergeheimnis. Da kann man nicht einfach generative KI auf Mandantendaten loslassen. Wir mussten eine Architektur entwickeln, in der unsere Daten unsere bleiben, in der Modelle privat betrieben werden und in der nichts auf fremde Server abfließt. Das ist mit einer Standard-SaaS-Lösung nicht möglich. Diese Architekturentscheidung war am Anfang die wichtigste Weichenstellung.

Knöll: Genau deshalb haben wir bei EVENTUS keine Plattform von der Stange genommen, sondern eine eigene Architektur konzipiert. Compliance war vom ersten Tag an ein Designprinzip und kein nachträgliches Add-on. Das ist aufwändiger, aber für eine Steuerbera-tung der einzige tragfähige Weg. In regulierten Branchen scheitern Projekte regelmäßig an nachträglicher Compliance, die nicht trägt. Oder sie bleiben bei einem sicheren ChatGPT-/Claude-System, ohne echten Einfluss auf ihre Wertschöpfung zu haben.

Beide sprechen vom Menschen als zentralem Faktor. Warum?

Michel: Weil ich gesehen habe, woran Projekte scheitern. Nicht an Modellen, nicht an Servern und nicht an Lizenzkosten. Sie scheitern, weil Mitarbeiter den Ergebnissen nicht trauen, weil sie nicht wissen, was die KI eigentlich tut – das ist bei ChatGPT und Co. ja das Problem. Oder andersherum: Sie akzeptieren blind alles, was sie ausspuckt. Beides ist gefährlich. Deshalb bilden wir derzeit interne AI-Champions aus: Kolleginnen und Kollegen aus den Fachteams, die das System verstehen und ihren Bereichen das nötige Vertrauen geben können. Diese Champions sind die Übersetzer zwischen Tech-nik und Beratungspraxis. Ohne sie bleibt jede Architektur ein unbenutztes Sportgerät.

Knöll: 80 Prozent jeder KI-Transformation sind die Menschen, nicht die Technik. Das ist meine Faustregel aus Dutzenden Projekten. Wir haben Unternehmen gesehen, die identische Systeme eingeführt haben. Bei einem hat es funktioniert, beim anderen nicht. Der Unterschied lag in der Befähigung der Mitarbeitenden, nicht in der Technik. Genau deshalb arbeitet EVENTUS mit uns zusammen und nicht mit einem reinen Tool-Anbieter. Operational AI vereint Strategie, Befähigung und Architektur. Das ist deutlich mehr als die Integration von ChatGPT und Prozessautomatisierung.

Wo wird die Steuerberatung in fünf Jahren stehen?

Michel: Die Steuerberatung in Deutschland wird sich in eine ähnliche Richtung entwickeln wie die Steuerberatung in den USA heute. Ein hoher Automatisierungsgrad wird mit einer Ausweitung der Beratungs-tiefe einhergehen. Kanzleien, die noch wie im Jahr 2020 arbeiten, werden nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Bei EVENTUS wird algorithmisches Consulting zur Normalität und zum Handwerkszeug unserer Arbeit. Genau deshalb gehören wir zu den wenigen, die strategisch wachsen werden.

Knöll: Die Branche wird sich in zwei Lager teilen. Diejenigen, die KI als strategischen Hebel begreifen werden in der Liga der Top-Beratungen mitspielen. Diejenigen, die bei Tool-Effizienz stehen bleiben, werden in einen Preiskampf geraten. Ein Mittelfeld wird es kaum geben. Wer 2030 noch relevant sein will, muss KI dauerhaft im Operating-Modell verankern. Genau das macht EVENTUS gerade vor.

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Jewgeni Michel

Jewgeni Michel ist Steuerberater und einer der geschäftsführenden Gesellschafter der EVENTUS Group – bestehend aus Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung sowie Wirtschaftsprüfung. Seine Beratungsschwerpunkte liegen im Umsatzsteuer-recht, in Umstrukturierungen und in Unternehmensnachfolgen. Er ist Lehrbeauftragter an der Ostfalia Hochschule. Die EVENTUS Group beschäftigt rund 230 Mitarbeitende an zehn Standorten und gehört laut Handelsblatt-Ranking 2026 zum zweiten Mal in Folge zu Deutschlands besten Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern.

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Christoph Knöll

Christoph Knöll ist Gründer und Geschäftsführer der Neurawork GmbH & Co. KG in Ampfing. Zuvor war er als Senior Manager bei PwC im Bereich KI und M&A-IT tätig und gründete die erste TÜV-SÜD-Corporate-Startup-Initiative. Neurawork begleitet Mittelständler und Beratungshäuser mit der eigenen Methodik „Operational AI” bei der KI-Transformation und ist TÜV SÜD Approved Training Partner.